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 Madame la Commissaire About:      Mord in Sommières   ... auf dem Markt   ... in Uzès   ... in Frontignan   Kurzkrimis   

Kleine Fälle aus Südfrankreich

 

Madame la Commissaire Maryline About ermittelt

Andere Südfrankreich-Kurzkrimis: Schlafmangel
Die vergiftete Lagune
      Hier erzähle ich euch mein neuestes Abenteuer. Diesmal geht es um einen Umweltfrevler, am wunderschönen Étang du Méjean. Und mein Assistent Jean-Christophe war natürlich auch wieder dabei.
 
 
 
      Es stank bestialisch. Der alte Mann fuchtelte verzweifelt mit den Händen herum.
 
      „Das gibt's doch nicht. Was für ein Schwein macht denn so was?”
 
      Jean-Christophe konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Gerade ein Schwein würde niemals eine solche Gemeinheit begehen. Dazu waren nur Menschen fähig.
 
      Ich schaute ihn strafend an. Seitdem er mir als Assistent zugewiesen worden war, hatte ich seinen Scharfsinn, aber auch seine Menschlichkeit immer mehr schätzen gelernt. Nur sein ironisches Lächeln war hier wohl doch nicht angebracht.
 
      Der Mann reagierte natürlich prompt.
 
      „Vous, les jeunes, ihr jungen Nichtsnutze”, moserte er ihn an, „ihr wisst die Natur gar nicht mehr zu schätzen. Wartet nur ab − eines Tages wird sie sich rächen. Und dann vergeht euch das Lachen.”
 
      Das Grinsen verschwand unmittelbar vom Gesicht des Brigadier-Chefs, um einem betretenen Ausdruck Platz zu machen.
 
      „Nein, Verzeihung, ich wollte ja nicht ...”, stotterte er und lief knallrot an.
 
      Er wollte den Mann nicht verletzen. Das Gefühl, verspottet zu werden, kannte er nur zu gut: Er war kaum größer als ein Kind, dabei fast breiter als hoch, und trug eine Uniform, die speziell für ihn angefertigt worden war. In normale Kleidung hätte er nicht hineingepasst.
 
      „Ich dachte ja nur ... es war wegen Ihrem Ausdruck mit dem Schwein. Maryline”, wandte er sich an mich, „du ...”
 
      Er wusste nicht mehr weiter. Ich entschied, den alten Mann von ihm abzulenken.
 
      „Haben Sie denn einen Verdacht?”
 
      Einen Moment lang starrten wir alle drei ratlos auf die kleine Lagune mitten im Naturschutzgebiet von Lattes, den Étang du Méjean. Ich ging hier öfter mit meiner Tochter spazieren. Wir liebten die Ruhe − wenn es nicht gerade vor Touristen wimmelte − und die Natur, an der wir uns nicht sattsehen konnten. Schilf wiegte sich im Wind, überall wuchsen Pflanzen, die nur in intakten Systemen gediehen, im und am Wasser tummelten sich die verschiedensten Vögel, von denen die Städter nur noch in der Schule hörten. Mehrere Storchenpaare brüteten in für sie vorbereiteten Nestern.
 
      Der Mann zuckte mit den Schultern.
 
      „Es kommen schon manchmal merkwürdige Gestalten hierher.”
 
      „Was verstehen Sie unter merkwürdigen Gestalten?”, wollte Jean-Christophe wissen.
 
      „Na, so junge Typen mit Lederwesten. Die sind doch zu allem Unfug bereit.” Der Mann rümpfte die Nase. „Aber so was? Ich weiß nicht. Selbst die würden doch nicht so weit gehen.”
 
      Ich nickte. Nicht nur der Anblick war entsetzlich, auch der Gestank war kaum auszuhalten. Ich sehnte mich nach einer Zigarette, die hätte zumindest den schrecklichen Geruch etwas gemindert. Die Sonne ließ die Bäuche der Fische glänzen, die tot im Wasser herumschwammen. Gegenüber lag ein toter Kranich und nicht weit von ihm, die Leiche eines Nutria.
 
      Traurig betrachtete ich sein schönes Fell. Mit meiner Tochter hatte ich hier mal einen lebenden Nutria beobachtet. Ich hoffte, dass es nicht derselbe war.
 
      „Haben wir schon die Analyse der Techniker?”, wandte ich mich an meinen Assistenten.
 
      Jean-Christophe hob bedauernd die Augenbrauen.
 
      „Nein, leider noch nicht. Aber sie wird wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen.”
 
      Der alte Mann schien uns jetzt völlig vergessen zu haben. Mit traurigen Augen betrachtete er das Schilf, das links von der Lagune wuchs. Ich folgte seinem Blick. Den toten Storch hatte ich vorher noch nicht entdeckt.
 
      „Und das zur Brutzeit”, murmelte der Mann.
 
      Plötzlich wirkte er viel älter als sonst. Ich hatte ihn hier im Naturschutzgebiet schon öfter getroffen. Er war wohl so etwas wie ein ehrenamtlicher Hüter der Natur. Er passte auf, dass niemand ihr Gleichgewicht störte. Und wenn ein Tourist es wagte, ein Bonbonpapier oder gar eine Kippe ins Wasser zu werfen, dann konnte es schon mal vorkommen, dass der Frevler mit erhobenem Stock verjagt wurde. Rauchen war hier ja ohnehin verboten − zu meinem Leidwesen.
 
      Bisher hatte ich ihn auf etwa siebzig geschätzt. Doch heute wirkte er wie mindestens achtzig. Sein Gesicht war mit Falten überzogen, die aussahen, als wären sie erst gestern entstanden.
 
      Ich konnte ihn verstehen. Die Tiere hier waren seine Schützlinge. Und jetzt hatte jemand Hunderte davon getötet.
 
      „Schildern Sie mir doch bitte noch einmal der Reihe nach, was passiert ist, Monsieur ...”
 
      Erst jetzt fiel mir ein, dass ich seinen Namen nicht kannte.
 
      „Nennen Sie mich einfach Antoine.” Er seufzte. „Was passiert ist? Wenn ich das nur wüsste. Als ich heute Morgen hier ankam, wie jeden Tag, sagte mir dieser schreckliche Gestank gleich, dass etwas nicht stimmte. Und dann habe ich all die toten Tiere gefunden. Jemand muss den Étang, die Lagune, vergiftet haben, das ist die einzige Erklärung. Aber wer ...” Wieder schüttelte er verzweifelt den Kopf. „Wer würde denn so was tun?”
 
      Mein Assistent und ich sahen uns an. Wir waren es gewöhnt, den gewaltsamen Tod von Menschen zu untersuchen. Aber Tiere?
 
      „Das hier ist fast noch schlimmer als ein Mord”, erklärte Jean-Christophe leise. „Das ist ein Attentat gegen die Natur. Gegen das Leben an sich.”
 
      Er sprach genau das aus, was ich gerade dachte.
 
      „Ein Detail habe ich allerdings entdeckt”, fuhr Antoine fort. „Da hinten ...” Er wies in Richtung Schilf, dorthin, wo der tote Storch lag. „Da stinkt es noch schlimmer als woanders.”
 
      Auf dem Weg zu der angegebenen Stelle schaute ich mit Neid auf die Füße der Männer. Antoine trug hier wohl immer Gummistiefel, aber selbst Jean-Christophe hatte daran gedacht, sich welche mitzubringen. Bedauernd betrachtete ich meine ehemals weißen Turnschuhe. Bei all dem Schlamm, durch den wir waten mussten, konnte ich sie nachher wohl gleich wegschmeißen.
 
      Der alte Mann hatte recht, hier war der Geruch noch beißender. Ich konnte nicht länger widerstehen und zündete mir eine Zigarette an − trotz Antoines tadelnder Blicke.
 
      Wieder standen wir schweigend da und sahen uns um. Der Brigadier-Chef hielt sich ein Taschentuch vor die Nase, doch dem Naturhüter schien der Geruch nichts auszumachen. Er sah jetzt aus, als wollte er jeden Augenblick in Tränen ausbrechen.
 
      „Moment mal”, sagte Jean-Christophe plötzlich. „Da ist doch was.”
 
      Ich folgte seinem Blick. Tatsächlich schimmerte im Schilf etwas Weißes. Ich hatte es zuerst für einen weiteren toten Vogel gehalten.
 
      Jean-Christophe machte mir Zeichen, zu bleiben, wo ich war, und stapfte durch den Schlamm. Zwischen den Schilfrohren stand das Wasser so hoch, dass es ihm sogar in die Stiefel floss. Aber er achtete nicht darauf.
 
      Auf einmal richtete er sich hoch auf und schwenkte einen Kanister über den Kopf.
 
      „Ich hab's gefunden”, schrie er triumphierend.
 
      „Guck dich mal um, ob du Fußspuren siehst”, rief ich ihm zu.
 
      Als wir wieder auf festem Boden waren, schaute Antoine sich das Fundstück näher an. Dabei lief er so rot an, dass ich schon befürchtete, er könnte einen Schlaganfall bekommen. Seine Trauer hatte sich schlagartig in Wut verwandelt.
 
      „Wie ich angenommen hatte”, grunzte er schließlich. „Unser Étang ist vergiftet worden.”
 
      Wir sahen ihn erschrocken an.
 
      „Ein chemisches Gift?”, fragte Jean-Christophe.
 
      Antoine winkte ab.
 
      „Nein, ein ganz normales biologisches Mittel. Das verwendet man normalerweise, um Fäulnis, Schlamm und Ablagerungen zu reduzieren, zum Beispiel in einem Schwimmbecken oder einem größeren Goldfischteich.”
 
      Ich musterte ihn erstaunt.
 
      „Aber das kann doch nicht so verheerende Auswirkungen haben.”
 
      Der alte Mann hielt immer noch den leeren Kanister in der Hand. Jetzt schleuderte er ihn wütend auf die Erde.
 
      „Doch. Denn so ein Produkt ist nicht für ein natürliches Ökosystem gedacht. Beim Abbau der Ablagerungen wird Sauerstoff verbraucht. In einem kleinen Teich macht sich das kaum bemerkbar. Aber unsere Lagune hier wird davon regelrecht erwürgt. Das Wasser wird muffig und abgestanden, die Fische ersticken. Dadurch entsteht noch mehr Fäulnis, noch mehr Sauerstoff geht drauf − bis das Wasser sogar für die Tiere, die es trinken, tödlich wird.”
 
      Jean-Christophe wischte sich verstohlen über die Augen.
 
      „Ein einziger Kanister tötet einen ganzen Étang. Und Fußspuren habe ich zwar gesehen, aber damit kann man nichts anfangen. Derjenige ist überall rumgetrampelt. Man hat den Eindruck, eine ganze Elefantenherde war da.”
 
      „Also mehrere Täter”, überlegte ich, „oder einer, der überhaupt nicht aufgepasst hat.”
 
      Antoine hörte uns schon nicht mehr zu.
 
      „Wenn ich den erwische”, stieß er zwischen den Zähnen hervor.
 
      Ich war genauso entsetzt wie mein Assistent. Die Gedanken wirbelten in meinem Kopf. Wer konnte ungesehen einen Kanister quer durch das Naturschutzgebiet tragen? In der Nacht war dieser Teil des Parks abgesperrt. Am Tag war Antoine ständig irgendwo, oder auch die Spaziergänger. Die kamen allerdings erst ziemlich spät am Vormittag oder am Nachmittag.
 
      „Um welche Uhrzeit kommen Sie normalerweise hierher?”, richtete ich mich an Antoine.
 
      Der schaute plötzlich betroffen drein.
 
      „Gegen zehn Uhr.”
 
      „Und um welche Zeit wird der Park geöffnet?”
 
      Jetzt sah der alte Mann noch älter aus als vorher.
 
      „Im Sommer, um neun Uhr. Ich muss mich morgens doch erst um meine Frau kümmern, die kommt allein nicht mehr zurecht.”
 
      Ich legte ihm tröstend die Hand auf die Schulter.
 
      „Der Übeltäter muss sich also kurz nach der Öffnung hier eingeschlichen haben. Zu einer Zeit, in der praktisch noch niemand hier ist.”
 
      Antoine überlegte.
 
      „Wenn man sein Auto auf dem offiziellen Parkplatz abstellt, muss man an mehreren Häusern vorbei, bevor man ins Naturschutzgebiet kommt. Vielleicht hat ja einer was gesehen. Ich weiß, dass der, der am nächsten wohnt, morgens oft in seinem Garten arbeitet.”
 
      Das war endlich ein konkreter Punkt, an dem wir ansetzen konnten.
 
      Auf dem Weg erzählte Antoine, dass Monsieur Bonnet, der Besitzer des Hauses, nicht sehr gut auf den Park zu sprechen sei.
 
      „Warum?”, fragte Jean-Christophe. „Mag er keine Natur?”
 
      Antoine schüttelte energisch den Kopf.
 
      „Nein, im Gegenteil. Er ist ganz vernarrt in sie. Er liebt die Pflanzen, die Tiere ... vermutlich mehr als seine eigene Frau. Aber er hasst die Besucher. Er behauptet immer, sie machten nur Lärm und würden alles zertrampeln.”
 
      Monsieur Bonnet arbeitete tatsächlich gerade in seinem Garten.
 
      „Haben Sie den Gestank auch bemerkt?”, knurrte er Antoine an. Jean-Christophe und mich beachtete er nicht. „Da haben die Touristen bestimmt irgendeine Sauerei angerichtet. Wann tun Sie endlich was dagegen? Wer lässt solche Dreckskerle schon in ein Naturschutzgebiet? Ihr seid doch wieder nur auf Kohle aus. Von wegen, den Touris was bieten und so.”
 
      Ich musste an meine deutschen Freunde denken. Wenn sie in Südfrankreich waren, galten sie natürlich auch als Touristen − was sie nicht daran hinderte, das Land und seine Bewohner zu respektieren.
 
      Doch bevor ich etwas sagen konnte, hob der alte Mann beschwichtigend die Hand.
 
      „Jetzt mal langsam, Monsieur Bonnet. Hier geht es nicht um ein paar Touristen, sondern um ein echtes Verbrechen. Außerdem können Sie nicht alle Touristen über einen Kamm scheren.” Er holte tief Luft. „Haben Sie heute Morgen irgendetwas bemerkt? Oder Leute gesehen, die sehr früh zum Park gingen? Zwischen 9 und 10 Uhr?”
 
      In diesem Augenblick bemerkte ich einen jungen Mann, der auf die Terrasse trat und zu uns herüberschaute. Einen Moment lang fragte ich mich, ob ich ihn zu mir rufen sollte.
 
      Bonnet überlegte, dann schüttelte er missmutig den Kopf.
 
      „Non”, brummelte er, nix und niemand. Aber ich bin auch nicht dafür da, eure blöden Touristen zu überwachen.”
 
      Jean-Christophe und ich sahen uns an. Dann wandte sich mein Assistent an den offensichtlich schlecht gelaunten Mann.
 
      „Dürfte ich mal kurz Ihre Toilette benutzen?”
 
      Bonnet schaute mürrisch auf ihn hinunter. Sein Blick drückte seine Missachtung für die missgestaltete Figur des Polizisten aus.
 
      „Da drüben in der Scheune ist ein Gästeklo”, stieß er schließlich hervor und zeigte auf ein kleines, ziemlich windschiefes Gebilde am Ende des Gartens, das zur Straße hin vom Wohnhaus verdeckt wurde.
 
      ,Bestimmt schwarz gebaut', schoss es mir durch den Kopf. ,Die Baubehörde hätte das nie durchgelassen.'
 
      Doch ich sagte nichts. Währenddessen hatte Jean-Christophe die sogenannte Scheune betreten. Auf den ersten Blick sah es aus, als stünde sie voll mit Gerümpel. Erst beim zweiten Hinsehen erkannte der Polizist, dass es sich wohl um die verschiedensten Gartengeräte handeln musste. An der Seite war eine Tür, die zu einer Art Plumpsklo führte. Aber natürlich interessierte sie ihn nicht. Eigentlich hatte er gehofft, Bonnet würde ihn ins Haus schicken, dann hätte er sich dort etwas umschauen können. Ein bisschen in der Scheune herumschnüffeln war auch nicht schlecht.
 
      Er traute dem Typen nicht.
 
      Zuerst wirkte alles harmlos. Der Mann schien Unmengen für Maschinen auszugeben. Ein Rasenmäher erster Klasse, ein Häcksler für trockene Äste ... Bei den anderen Geräten wusste er nicht einmal, wozu sie dienten.
 
      Er wollte die Scheune schon wieder verlassen, da entdeckte er eine Ecke, in der etliche Kanister standen. Irgendwie zog sie ihn magisch an. Er nahm ein Produkt nach dem anderen in die Hand, um die Aufschrift lesen zu können ...
 
      ... und Bingo!
 
      Eilig lief er in den Garten zurück und hielt den Kanister hoch, wie eine Trophäe.
 
      „Monsieur Bonnet, ich verhafte Sie wegen Umweltvergiftung und des Mordes an Hunderten von Tieren aus dem Naturschutzgebiet.”
 
      Der Mann sah ihn an, als wäre er jetzt verrückt geworden. Er nahm ihm den Kanister aus der Hand und betrachtete ihn lange.
 
      „Ich werde Ihnen sagen, was geschehen ist”, mischte ich mich ein. Ich hatte begriffen, worauf mein Assistent hinauswollte. „Die Besucher nerven Sie schon seit Langem. Da haben Sie beschlossen, die Lagune zu vergiften, damit der Park geschlossen wird. Und so was wie Sie ...” Vermutlich sah ich gerade aus, als wollte ich ihn anspucken. „So was wie Sie behauptet, die Natur zu lieben.”
 
      Plötzlich zog ein Schimmer über Bonnets vorher noch ratloses Gesicht − als ob er endlich verstanden hätte. Dann senkte er den Kopf.
 
      „Ja, richtig”, murmelte er, „ich wollte die verdammten Touris vertreiben.”
 
      Dabei streckte er die Hände vor, als wartete er darauf, dass wir ihm Handschellen anlegten.
 
      Antoine runzelte die Stirn.
 
      „Also das ... das kann ich jetzt kaum glauben. Das hätte ich nie von Ihnen gedacht. Und ich Esel habe Ihnen die Liebe zur Natur abgenommen.”
 
      Wieder sah er aus, als wollte er in Tränen ausbrechen. Aber diesmal nicht vor Wut und Trauer, sondern vor Enttäuschung.
 
      Schlagartig kam Leben in den jungen Mann auf der Terrasse. Bisher hatte er nur stocksteif dagestanden und uns beobachtet. Jetzt stürmte er auf uns zu.
 
      „Halt, Opa, mach das nicht”, schrie er.
 
      Wir drehten uns alle zu ihm um. Jetzt sah ich, dass wir es nicht wirklich mit einem jungen Mann zu tun hatten, sondern eher mit einem Halbwüchsigen. Aus der Nähe schätzte ich ihn auf vierzehn oder fünfzehn Jahre.
 
      Dann wandte er sich mir zu.
 
      „Das war nicht mein Opa”, rief er immer noch laut. „Sondern ich.”
 
      Bonnet nickte leicht.
 
      „Das habe ich kapiert, mein Junge”, sagte er in liebevollem Ton und legte seinem Enkel die Hand auf die Schulter. „Als ich den Kanister sah, den der da ...” Er wies auf Jean-Christophe. „... den der da gefunden hat. Du wolltest mir helfen, nicht wahr?”
 
      Der Junge sah mir in die Augen.
 
      „Oui, genau das. Ihr Flics, ihr kümmert euch ja um nichts. Ständig wird mein Opa belästigt. Die Besucher schreien rum, als wären sie allein in der Welt. Wenn Opa sie anspricht, lachen sie ihn aus. Und das jeden Tag, im Frühling, im Sommer, im Herbst  ... sogar im Winter. Und am Abend kommen sie dann mit ihren Motorrädern.”
 
      „Und du dachtest, wenn du die Lagune vergiftest, bleiben alle weg”, bemerkte Antoine sanft. Zu meinem Erstaunen schien seine Wut verraucht zu sein.
 
      Der Junge drehte sich zu ihm um. Dann senkte er den Kopf.
 
      „Ja.” Er sprach jetzt so leise, dass er kaum noch zu verstehen war. „Ich wollte, dass es so richtig stinkt. Dann wäre hier endlich mal Ruhe. Aber ...” Ein Schluchzer schnürte ihm die Kehle zu. „Aber ich wollte nicht, dass die Tiere sterben. Deshalb habe ich ja ein natürliches Mittel verwendet. In der Anleitung steht, dass nur eine biologische Zersetzung stattfindet. Also nichts als Gestank.”
 
      Antoine sah ihn mitleidig an.
 
      „Ja, du konntest nicht wissen, dass es in einem komplexen Ökosystem wie einer Lagune eine Kettenreaktion auslöst und alles umkippen lässt.”
 
      Monsieur Bonnet zog den Jungen an sich.
 
      „Du hast es gut gemeint. An der Katastrophe bist nicht du schuld, sondern die Hersteller des Produkts. Sie hätten klarer erklären müssen, wozu es gut ist. Und welche Gefahren es birgt.”
 
      Dann musterte er mich von oben bis unten, als wäre ich der Übeltäter.
 
      „Er ist minderjährig, Sie dürfen ihn nicht allein verhören. Ich komme mit Ihnen zum Commissariat. Aber vorher rufe ich unseren Anwalt an.”
 
 
 
 
      Ein Südfrankreich-Kurzkrimi von Doris Kneller (alle Rechte vorbehalten)
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